February 05, 2011

Pendler-Erfahrungen:

Wenn die Mobilität zum Fluch wird

von Burkhard Strassmann | Quelle: Zeit.de

Wenn mein letztes Stündlein schlägt, werde ich es bitter bereuen: 380 komplette Tage meines Lebens, endlose 9120 Stunden werde ich nur für den Weg zur Arbeit verschwendet haben. Welch grässliche Vorstellung! Doch das dicke Ende kommt vorm Jüngsten Gericht: Gott, der oberste Öko, wird mir allein für das Pendeln zum Arbeitsplatz 28.000 Kilogramm Kohlendioxid um die Ohren hauen. Ich werde stammeln: Ich bin doch ein Guter, bin immer nur Bahn gefahren! Es wird mir nichts helfen, ich werde im Fegefeuer landen.

Uns Pendlern begegnet man morgens um sieben auf den Einfallstraßen der Großstädte im Stau. An den Bahnhöfen, wenn wir mit grauen, zerknitterten Gesichtern aus S-Bahnen und Regionalzügen quellen. Montags und freitags trifft man uns mit Rollköfferchen auf ICE-Bahnhöfen und Flughäfen an, als Wochenendpendler und Teil einer Fernbeziehung. Schon unsere Kinder üben sich früh, -ob als von der Bahnhofsmission begleitete "Kids on Tour" unterwegs zum getrennten Elternteil oder als Privatschüler, die täglich zur Waldorfschule chauffiert werden.

1,5 Millionen berufstätige Deutsche pendeln laut Statistischem Bundesamt mindestens dreimal pro Woche über eine Stunde lang zum Arbeitsplatz und zählen damit zu den "Fernpendlern". 60 Prozent nutzen ihre CO2-Schleuder. Nur ein verschwindend kleiner Teil davon bildet ökonomisch und ökologisch vernünftige Fahrgemeinschaften. Der Rest benutzt die Bahn. Oder das Flugzeug. Einer der extremsten deutschen Pendler ist ein Helgoländer Unternehmer, der bis zu dreimal pro Woche zwischen Köln und der Insel mit seiner Cessna hin- und herfliegt.

350 Euro monatlich kostet das Hin und Her zwischen Wohnort und Arbeitsstätte

Sosehr sich die Pendler unterscheiden, ein jeder bastelt sich seine private Pendelbilanz. Meine sieht so aus: 350 Euro monatlich kostet die Pendelei zwischen Bremen, wo ich wohne, und dem Büro in Hamburg. Ich nutze die "schwarze Mamba" (Harald Schmidt), die Bahncard 100 mit Flatrate fürs Gesamtnetz, mit der ich auch Dienstreisen mache. Dieses schwarze Plastikkärtchen kennzeichnet wahre Fernpendler. 35.000 hat die Bahn 2009 verkauft. Die Mobilitätsinvestition rechnet sich: Hundert warme Quadratmeter kosten mich in Bremen 900 Euro. In Hamburg dürfte ich für eine vergleichbare Wohnung mein Pendelgeld drauflegen und hätte es noch nicht warm.

Irgendwann bin ich Kilometermillionär, aber ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Meine Ökobilanz ist klar und übersichtlich: Was ist schon umweltfreundlicher als die Bahn?! Und sonst? Macht mir Pendeln nichts aus. Im Gegenteil. Es geht mir ein bisschen wie meinem Freund Claus, der jeden Morgen stoisch mit dem Pkw eine halbe Stunde lang im Stau steht. Er sagt: "Ich genieße das! Ich kann rauchen, ohne dass ich angemacht werde. Kann meine Musik hören ohne blöde Kommentare. Weder Kinder noch Frau wollen was von mir. Das ist die einzige Zeit am Tag, in der ich meine Ruhe habe" In der Eisenbahn kann ich zwar nicht rauchen, aber Zeitung lesen, Texte vorbereiten oder schreiben, dösen oder schlafen.

Klingt doch alles ganz easy, aber wir Pendler sind Meister im Selbstbetrug. Den ersten Zahn ziehe ich mir selbst. Ich rechne auf der Website der Bahn mit dem "Umweltmobilcheck" aus, wie öko die Bahnfahrt nach Hamburg eigentlich ist. Für den einzelnen Kunden verbraucht die Bahn bei durchschnittlicher Auslastung etwa die Hälfte dessen, was ein durchschnittlich besetztes Auto pro Person schluckt, - 2,9 Liter Benzinäquivalent auf 100 Kilometern. Das ist ja nicht gerade eindrucksvoll.

Pendler leiden unter Stress

Und dann gibt es Querulanten wie den Verkehrsberater Gottfried Ilgmann, welcher der Bahn ihre Nebenkosten vorrechnet und so auf einen Pro-Kopf-Verbrauch von 3,9 Litern kommt - nicht mehr weit weg von den gut fünf Litern, die ein sparsamer Diesel heute leicht erreicht. Wer wirklich umweltschonend reisen will, muss leider in einen Fernreisebus steigen und warten, bis der voll ist - dann ist er mit 1,6 Litern Diesel pro 100 Kilometer unterwegs.

Den zweiten Zahn zieht mir der Mainzer Soziologe Norbert Schneider. Er erforscht seit Jahren die sozialen Kosten der Mobilität und ihren Einfluss auf unsere Gesundheit. Entspannte Pendler? Schneider zitiert gerne eine britische Studie, der zufolge Pendler größere Stressspitzen erleben als Jetpiloten im Kampfeinsatz. Ungewisse Abfahrt und Ankunft des Zuges, die Angst, ihn zu verpassen, keinen Sitzplatz zu bekommen, das Zusammengepferchtsein mit Fremden - generell gilt, egal, ob ich im vollen ICE nach Berlin oder im Stau auf dem Kölner Ring klemme: "Kontrollverlust bedeutet eine hohe Belastung." Die zur Schau getragene Coolness, die ich mir mühsam antrainiert habe, hält Schneider übrigens für schädlich: "Je stärker man die Probleme subjektiv wahrnimmt, desto besser bewältigt man sie." Anders gesagt: Wer über Verspätungen meckert, lebt gesünder.

Offenbar besitzen wir keine Sensoren für die sozialen Kosten der Pendelei. Denn selbst Extrempendler scheinen ihren Frieden mit der tagtäglichen Zumutung machen zu können. Zum Beispiel Klaus Wehmeier.

Er arbeitet beim NDR in Hamburg und wohnt in einem Dorf namens Groß-Bölkow bei Rostock. Das Pendeln kostet ihn täglich fünf Stunden. Seit zwölf Jahren fährt er morgens 25 Kilometer mit dem Auto zum Bahnhof. Dort wartet er mit einem Kaffee im Wagen auf den Zug. In gut eineinhalb Stunden ist er dann in Hamburg. Dort kommen noch einmal 15 Minuten U-Bahn und 10 Minuten zu Fuß hinzu. Und? Der Mann wirkt zufrieden. Er habe, sagt er, "viel Zeit, runterzukommen". Im Zug liest er, arbeitet am Laptop, schaut Filme. In der Stadt hat er die gute Arbeit, auf dem Land das schöne Haus und die Freunde.

Gern übersieht der Pendler, dass mangels Zeit und Kraft die Sozialkontakte verkümmern. Die Ehe kann leiden, weil in der Regel die Frau Hausarbeit und Kindererziehung komplett übernehmen muss. Und will sie mal ausgehen, ist er zu kaputt und sehnt sich nach Ruhe. Die Hamburger Kollegen gehen längst ins Kino, joggen um die Alster oder hocken in der Kneipe, wenn Klaus Wehmeier immer noch im Zug sitzt.

Das klingt nicht nur nach sozialen Problemen, sondern hört sich auch ungesund an. Viele Pendler haben sich in ihrer Situation perfekt eingerichtet. Zur Pendlerkultur gehören Coffee to go, in den Ohren die Musikstöpsel, das unverzügliche Versinken mit Laptop und iPhone im Office to go oder das Bahnschlafen mit aufgeblasenem Nackenpolster und Augenbinde. Geübte Pendler wirken während der Fahrt entspannt und effektiv. Man könnte denken, es mit einem Lifestyle-Phänomen zu tun zu haben. Ich dachte jedenfalls immer, das bekommt mir gut und hält mich in Bewegung, wenn nicht jung. Auch dieser Zahn wurde mir gezogen.

Die wenigsten Pendler ahnen, dass auch die gesundheitlichen Risiken des Pendelns in die Gesamtbilanz gehören. Mir selber wurde das erst klar, als ich im Zuge einer Recherche einmal eine ganze Woche lang, Tag und Nacht, nichts anderes mehr tat, als zu pendeln. In Fernzügen war ich nonstop zwischen Berlin, Stuttgart und Hamburg unterwegs, versuchte nachts auch auf den Sitzen zu schlafen. Das Resultat war ebenso eindeutig wie erschreckend: Zusammenbruch auf der Straße, Krankenhaus, unangenehme Spätschäden. Als Ursachen vermuteten die Ärzte Schlafmangel und Stoffwechselstörung. Das sind übrigens typische Gesundheitsprobleme von Pendlern, dazu kommen, sagt die Techniker Krankenkasse, Rückenleiden, Infektionen, psychische Probleme, Übergewicht.

Umzug? Nein. Oft hat der Partner einen tollen Job in der Heimatstadt

Teuer, unökologisch, ungesund und schlecht fürs Zusammenleben - warum nehmen Pendler das auf sich und ziehen nicht einfach um? Unsere Motive sind die Klassiker der Mobilitätsdebatte.

Erstens hat oft der Partner einen guten Job in der Heimatstadt. Und zweitens ist es zu Hause schöner und billiger. Das gilt insbesondere für alle, die im Grünen leben. Das Pendelparadox: Ausgerechnet die, die sich subjektiv am mobilsten fühlen, die Berufspendler, sind gleichzeitig die Immobilsten. Sie lehnen nichts mehr ab als die ökologisch sinnvolle Alternative zum Pendeln - den Umzug.

Das Symbol für den politischen Willen zu Speckgürteln und zur Landschaftszersiedelung war immer die Pendlerpauschale, die eigentlich eine steuerliche Erleichterung für Pendler ist. Gerd Lottsiepen vom alternativen Verkehrsclub Deutschland plädiert für ihren langsamen Abbau und stattdessen für eine echte Pauschale: "Heute haben Arme, die keine oder wenig Steuern zahlen, nichts von der Entfernungspauschale." Wer aber als Gutverdiener am Wochenende zwischen Frankfurt am Main und Berlin pendelt, kann ein Drittel seiner Fahrtkosten vom Staat zurückbekommen.

Lieber ökologisch in der Stadt leben

Den Zusammenhang zwischen Pendeln und Landschaftsverbrauch erforscht der Leipziger Umwelt- und Planungsrechtler Wolfgang Köck. Er fordert die komplette Abschaffung der Pendlerhilfe; man sollte stattdessen die belohnen, die teuer, aber ökologisch sinnvoll in der Stadt leben. Eben mit einer Nichtpendlerpauschale.

Der sinnvolle Umzug in die Stadt des Arbeitsplatzes ist nämlich, sobald das Pflaster etwas teurer wird, oft gar nicht möglich. Meine Kollegin würde zum Beispiel gern in Hamburg leben. Stattdessen pendelt sie täglich zwischen einem Dorf im Wendland und Hamburg hin und her. Jede Einzelstrecke kostet sie rund eineinhalb Stunden. Ein Umzug wäre nicht finanzierbar. Selbst einer höheren Angestellten ist es, wenn sie für drei Kinder und einen Mann das Geld verdienen muss, nicht möglich, in die Stadt zu ziehen. 1.600 Euro kalt für eine größere Wohnung sind üblich, aber nicht zu stemmen. Hamburg ist eine Stadt für Doppelverdiener und Kinderlose.

Besser Umzüge subventionieren

Berufsbedingte Mobilität liegt im Trend, übrigens in ganz Europa, hat Soziologe Schneider festgestellt. Vorboten einer Trendwende hat der Kasseler Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel entdeckt. "Die Leute ziehen wieder in die Städte", sagt er. Beispiel Kassel: Im Speckgürtel werden noch Neubaugebiete ausgewiesen, aber im letzten Jahr wurden da keine Flächen mehr verkauft. Kassel insgesamt gewinnt Einwohner. "Die Pampa läuft leer." Das gilt noch nicht für München, Frankfurt oder Hamburg. Aber für viele andere Gebiete. An den Kosten des Pendelns liegt das, aber auch an der Demografie. Holzapfel: "Die Alten wollen zurück in die Stadt. Die Zersiedlung kommt zu einem Ende." Auch er plädiert für die Abschaffung der Pendlerpauschale. Besser sollten mit dem Geld Umzüge subventioniert werden.

Wo aber städtische Mieten exorbitant sind, rät Holzapfel zu Investitionen in die ländliche Infrastruktur. Wer im Grünen einen Arbeitsplatz, Ärzte und Kultur findet, der braucht nicht mehr zu pendeln.

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